SCHMERZPROPHYLAXE
Schmerzvorbeugung
Unter Schmerzprophylaxe versteht man eine Behandlung, die einem Schmerz vorbeugt, also das Entstehen eines Schmerzes verhindern soll (Schmerzvorbeugung).
Es gibt zwei klassische Erkrankungen, bei denen eine Schmerzprophylaxe durchgeführt werden kann.
Schmerzprophylaxe bei Migräne
Nicht immer sind die Patienten bereit, auch im
schmerzfreien Intervall konsequent Medikamente einzunehmen, so daß oftmals eine
ausführliche Aufklärung erforderlich ist.
Eine Schmerzprophylaxe sollte nur
dann erfolgen, wenn die
Migräneattacke
n mindestens zwei mal pro Monat
auftreten. Nach Göbel und Soyka (1994) ist die Indikation auch
gegeben, wenn im bisherigen Verlauf mindestens zweimal ein Status migraenosus,
eine prolongierte (= verlängerte)
Aura oder einmalig ein migränöser Infarkt (=
Gewebszerstörung in bestimmten Hirnbereichen infolge von Sauerstoffmangel)
aufgetreten sind.
Als Mittel der ersten Wahl zur
Migräneprophylaxe gelten Beta-Rezeptorenblocker
(= eigentlich Blutdruckmittel, die aber auch gegen
Migräne wirken).
Allerdings eignen sich nicht alle Substanzen aus dieser Gruppe zu einer
Schmerzprophylaxe. Relativ sicher wirken Propanolol und Metoprolol (Diener
1989); beide Substanzen werden langsam einschleichend dosiert. Die tägliche
Höchstdosierung für Metoprolol (z.B. Beloc®) beträgt 200mg, für Propanolol
(z.B. Dociton®) 240mg.
Bei Ausbildung nicht tolerierbarer orthostatischer (= den Kreislauf betreffende)
Störungen oder einer Bradykardie (=
zu langsamer Puls) muß die Behandlung abgebrochen
werden (ausschleichend).
In der Einschleichphase müssen daher regelmäßige
Puls- und Blutdruckkontrollen durchgeführt werden. Die Wirkungsweise der
Beta-Blocker in Bezug auf den
Migränekopfschmerz ist noch nicht sicher
bekannt.
Zur Migränevorbeugung eignen sich auch Kalzium-Antagonisten (= ein Mittel das der Wirkung von Kalzium entgegenwirkt). Flunarizin (Sibelium®) sollte aufgrund einer Bewertung durch das Bundesgesundheitsamt nur bei Patienten eingesetzt werden, die unter häufigen und schweren Migräne-Anfällen leiden und bei denen eine Behandlung mit Beta-Blockern kontraindiziert (= gegenangezeigt) ist bzw. keine ausreichende Wirkung gezeigt hat. Nach einer Studie hat sich Cyclandelat (Natil®) zur Prophylaxe nicht bewährt.
Eine weitere Schmerzprophylaxe (3. Wahl) besteht in der Verabreichung von Serotonin-Antagonisten
(= Mittel, die dem Gewebshormon
Serotonin entgegenwirken).
Pizotifen (Sandomigran®) hat einen hemmenden
Effekt auf die Serotonin-Freisetzung im Anfangsstadium der Migräne. Lisurid (Cuvalit®),
ein Ergotamin -Derivat, ist ein Serotonin -Partialantagonist. Die Tagesdosis
beträgt 0,075 mg. Im Gegensatz zu anderen Autoren (Soyka 1989) wird
diese Substanz bei uns kaum verwendet, da bisherige Therapieversuche nicht
überzeugt haben.
Zur Schmerzprophylaxe bei der sog. menstruellen (= regelbedingten) Migräne soll Sulpirid (Dogmatil®) hilfreich sein (Thoden 1986). Göbel und Soyka (1994) empfehlen eine "Kurzzeitprophylaxe" mit 250-500 mg Naproxen, vier Tage vor der erwarteten Regel bis drei Tage danach.
Das Derivat der Lysergsäure, Dihydroergotamin (Hydergin®) ist zur Schmerzprophylaxe bei Migräne umstritten. So wird es z.B. in anglo-amerikanischen Ländern dafür nicht verwendet.
Zur Migräneprophylaxe (= Migränevorbeugung) ist in Deutschland auch das Antiepileptikum (= eigentlich ein Mittel gegen die Fallsucht) Topiramat (Topamax®) zugelassen. Dieses Medikament sollte aber nur bei Erwachsenen angewendet werden und nur dann, wenn eine Therapie mit Betablockern nicht indiziert (= angezeigt) ist, zuvor nicht erfolgreich war oder nicht vertragen wurde.
Nach einem Bericht in der Welt (19.4.04) soll zur Vorbeugung der Migräne mit Aura die auch regelmäßige Zufuhr von Folsäure geeignet sein.
Auch
psychologischen Interventionen können
eine Schmerzprophylaxe bei Migräne bewirken:
hauptsächlich Entspannungstechniken,
Streß - und Schmerzbewältigungstraining.
Schmerzprophylaxe bei Cluster-Kopfschmerz
Als Mittel der Wahl gilt der Calcium-Antagonist Verapamil (z.B.
Isoptin®) (= eigentlich ein Mittel gegen
hohen Blutdruck, aber auch beim Cluster-Kopfschmerz wirksam). Dosierung: bis zu 3-4x 80 mg pro Tag, in der ersten Woche einschleichend. Der
Wirkungsmechanismus von Verapamil bei Cluster-Kopfschmerz ist unbekannt.
Neue
Dosierung: In hartnäckigen Fällen wird Verapamil bei Cluster-Kopfschmerz
(chronischer und episodischer) mit gutem
Erfolg sehr viel höher dosiert: bis 500 mg/Tag (und mehr), initial unter
ständiger Blutdruck- und Pulskontrolle.
Als Mittel der 2. Wahl kann zur Schmerzprophylaxe
Lithium empfohlen werden (z.B. Hypnorex®, Quilonum®) (=
eigentlich ein Mittel gegen die Depression, aber auch zur Vorbeugung bei
Cluster-Kopfschmerz wirksam). Lithium soll
bereits unterhalb des empfohlenen Serumspiegels beim Cluster-Kopfschmerz wirksam
sein.
In hartnäckigen Fällen und unter strenger Abschätzung des
therapeutischen Risikos im Verhältnis zu einem möglichen Nutzen, kann zur Schmerzprophylaxe eine Kortikoid-Behandlung
versucht werden, z.B. mit Prednisolon®. Empfohlene Dosierung: 1-4. Tag 80mg, 5-
8 Tag 70mg, dann jeweils nach 4 Tagen die Dosierung um weitere 10mg reduzieren.
Der Serotonin-Antagonist Methysergid (Deseril ret.®) (=
ein Mittel, das dem Gewebshormon Serotonin entgegenwirkt)
kann auch zur Schmerzprophylaxe bei
Cluster Kopfschmerzen verwendet werden.
Teilweise
wird empfohlen, zur Schmerzprophylaxe regelmäßig täglich
Ergotamin zu verabreichen. Wegen der Gewöhnungsgefahr und der hohen
Wahrscheinlichkeit, damit den gefürchteten
Ergotamin-Kopfschmerz zu induzieren,
muß davor dringend gewarnt werden.
Aktualisiert:
20.05.2006 k
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